Der Kollege, der seit zwölf Jahren um 7:58 Uhr den Kaffee aufsetzt, kommt nicht auf die Idee, dir zu sagen, dass die Kaffeemaschine seine ist. Warum auch – für ihn ist das selbstverständlich. Für dich ist es am dritten Tag ein Fettnäpfchen, von dem du nicht einmal wusstest, dass es existiert.
In jedem Betrieb, jeder Abteilung, jedem Team gibt es zwei Sätze von Regeln. Die geschriebenen stehen im Vertrag, in der Betriebsvereinbarung, im Handbuch. Die ungeschriebenen stehen nirgends – und sind im Alltag oft wichtiger.
Der Grund ist einfach: Wer sie kennt, hält sie für selbstverständlich. Niemand im Team denkt an die Regel, bis jemand dagegen verstößt. Und dann kommt – oft mit einem kleinen, ungerechten Reflex – der Satz: „Das müsste man doch wissen.“ Nein, müsste man nicht.
Ungeschriebene Regeln sind nicht automatisch gut oder schlecht. Manche erleichtern die Zusammenarbeit, andere erzeugen unnötigen Druck oder schließen Menschen aus. Dein Job in den ersten zwei Wochen ist deshalb nicht, jede Gewohnheit ungeprüft zu übernehmen, sondern herauszufinden, was üblich ist, was verbindlich ist – und wo du besser nachfragst.
Fast alle ungeschriebenen Gesetze fallen in eine dieser sechs Gruppen. Wenn du jede einmal bewusst anschaust, hast du den größten Teil.
1. Zeit. Wann fangen die Leute wirklich an – zur offiziellen Zeit oder eine Viertelstunde früher? Wann ist Pause, und wer macht sie zusammen? Wann geht man, und was bedeutet „kurz noch“? Geht man, wenn die eigene Arbeit fertig ist – oder wenn der Chef geht?
2. Kommunikation. Was schreibt man in den Chat, was per Mail, wofür geht man persönlich vorbei? Wie schnell wird eine Antwort erwartet? Wen setzt man in Kopie – und wen besser nicht? Ist es Du oder Sie, und gilt das für alle oder nur im Team?
3. Hierarchie. Wer entscheidet wirklich – die Person mit dem Titel oder die, die alle fragen? Wen fragst du zuerst, wenn dein Ausbilder nicht da ist? Über wen redet man nicht?
4. Rituale. Gibt es einen Einstand, und wie sieht er aus? Wer bringt zum Geburtstag Kuchen mit? Gibt es eine Kaffeekasse, ein gemeinsames Mittagessen, ein Freitagsbier? Muss man dabei sein – oder darf man?
5. Krankheit und Abwesenheit. Bei wem meldest du dich, bis wann, auf welchem Weg? Ruft man an oder schreibt man? Was gilt als „kurz zum Arzt“ und was als Fehltag?
6. Loyalität. Was sagt man nach außen über den Betrieb, und was bleibt drinnen? Worüber wird in der Pause gelästert – und ist das ein Spiel, an dem Neue teilnehmen dürfen, oder ein Test?
Du musst die Regeln nicht erraten. Drei Schritte reichen, um die meisten in zwei Wochen zu kennen.
Beobachten. In der ersten Woche schaust du mehr zu, als du redest. Wer kommt wann, wer redet mit wem, wer geht wann. Du wirst mehr sehen, als dir jemand erklären könnte.
Einen Vertrauten fragen. In fast jedem Team gibt es jemanden, der Neuen gern die Dinge erklärt, die sonst niemand erklärt – oft nicht der Ausbilder, sondern jemand ein, zwei Jahre weiter als du. Finde diese Person. Und frag sie direkt: „Was sollte ich hier wissen, was mir niemand sagt?“
Im Zweifel nachfragen statt raten. Wenn du eine Regel nicht kennst, ist die Frage danach nie peinlich. Der Verstoß dagegen schon.
Wie das klingt, zeigen zwei Satzpaare aus dem Buch – Beispiele, keine Skripte:
Schwacher Satz: (raten – und dann falsch liegen)
Besserer Satz: „Ich kenne die Regel hier noch nicht: Wie macht ihr das mit der Mittagspause – zusammen oder jeder für sich?“
Warum: Das „Ich kenne die Regel hier noch nicht“ ist der Schlüssel. Es sagt: Ich weiß, dass es eine gibt, ich will sie einhalten, und ich frage lieber, als sie zu brechen. Das nimmt dir sofort jeden Anschein von Unhöflichkeit.
Schwacher Satz: „Bei uns in der Schule war das aber anders.“
Besserer Satz: „Interessant, das läuft hier anders, als ich es kannte – dann mache ich es ab jetzt so.“
Warum: Der Vergleich mit früher klingt für die andere Seite wie Kritik. Die Feststellung plus Zusage klingt wie Lernen.
Wirst du. Jeder Neue tritt in den ersten Wochen mindestens einmal auf eine ungeschriebene Regel, ohne es zu merken. Wenn dich jemand darauf hinweist, gibt es genau eine gute Antwort:
„Das wusste ich nicht – danke, dass du es mir sagst.“
Kein Rechtfertigen, kein „Woher soll ich das wissen“. Der Hinweis war ein Geschenk. Nimm ihn als solches.
Im Büro kommen oft Regeln dazu, die den Weg von Ideen, Informationen und Konflikten betreffen:
Welche Variante bei dir gilt, findest du mit derselben Methode heraus: beobachten, einen Vertrauten fragen, im Zweifel nachfragen.
Ausbilder und Kollegen sehen ihre eigenen ungeschriebenen Gesetze nicht mehr. Sie merken nur, wenn jemand dagegen verstößt. Aber sie merken sich auch, wer nach Regeln fragt, wer sich nach einem Hinweis anpasst – und wer jede Woche denselben Fehler macht. Die ersten beiden bekommen Geduld. Der dritte nicht.
Wer Neue einarbeitet, kann einen Teil davon vorab aufschreiben: Eine Einarbeitungsplan Vorlage mit Checklisten für den ersten Tag und die erste Woche nimmt Neuen viel Raterei ab.
Ungeschriebene Gesetze sind kein Geheimnis, sondern Gewohnheit. Zwei Wochen beobachten, einen Vertrauten fragen, im Zweifel nachfragen – dann kennst du die meisten.
Mehr davon: das Buch zum Berufsstart
Dieser Artikel ist das Titelkapitel aus „Die ungeschriebenen Gesetze im Job“ – dem Ratgeber von MindOnDigital für Ausbildung, Studium und Berufseinstieg. Im Buch geht es weiter mit den Situationen, in denen die Regeln zum Problem werden: die zwölf größten Fettnäpfchen im ersten Jahr, Kritik vom Ausbilder, Fehler zugeben, Überstunden und Berufsschule, das Feedbackgespräch in der Probezeit. Jede Situation mit einem schwachen und einem besseren Satz – und jede aus beiden Blickwinkeln: aus Sicht des Neuen und aus Sicht dessen, der ihn ausbildet.
Gewohnheiten, die nirgends stehen, aber im Alltag gelten: wann man wirklich anfängt, wie man sich krankmeldet, wer entscheidet, was man nach außen sagt. Wer sie kennt, hält sie für selbstverständlich – deshalb erklärt sie dir niemand.
Erste Woche beobachten, einen Vertrauten im Team fragen („Was sollte ich hier wissen, was mir niemand sagt?“), im Zweifel nachfragen statt raten.
„Das wusste ich nicht – danke, dass du es mir sagst.“ Ohne Rechtfertigung; der Hinweis war ein Geschenk.
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