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Leseprobe: Die ungeschriebenen Gesetze im Job

Das Vorwort und die ersten zwei Kapitel, unverändert aus dem Buch.

Vorwort – Warum dieses Buch

Ich leite seit Jahren ein Team, und in fast jedem Jahr kommt jemand Neues dazu: ein Azubi, eine Werkstudentin, ein Praktikant, ein Absolvent im ersten Job. Und fast jedes Mal sehe ich in den ersten Wochen dasselbe.

Am Fachlichen scheitert fast niemand. Was die Neuen können, haben sie in Schule, Berufsschule oder Hochschule gelernt, und was sie noch nicht können, lernen sie schnell. Woran es hakt, ist etwas anderes: die Momente, in denen man reden müsste und nicht weiß, wie.

Der Auftrag, den man nicht verstanden hat, aber nicht nachfragen will. Die Kritik, bei der man rot wird und schweigt. Der Fehler, den man lieber selbst noch schnell repariert, bevor jemand ihn sieht. Die Pause, in der alle über den Chef reden und man nicht weiß, ob man mitlachen soll. Die Mail an den Professor, an der man eine halbe Stunde sitzt. Das Gehaltsgespräch, in dem man die Zahl nicht über die Lippen bringt.

Für alle diese Momente gibt es Sätze, die funktionieren. Nicht auswendig gelernte Floskeln, sondern kurze, ruhige Formulierungen, die Klarheit schaffen, ohne dass du dich klein machen oder aufplustern musst. Dieses Buch sammelt sie.

Und es macht noch etwas, das die meisten Ratgeber für Berufseinsteiger nicht tun: Es zeigt dir bei jeder Situation, was auf der anderen Seite des Tisches passiert. Was der Ausbilder gerade denkt, wenn du zum dritten Mal fragst. Was die Teamleiterin sieht, wenn du einen Fehler zugibst. Was der Professor liest, wenn deine Mail bei ihm ankommt. Ich kenne diese Seite, weil ich auf ihr sitze. Die meisten Konflikte in den ersten Berufsjahren entstehen nicht, weil jemand böswillig ist, sondern weil beide Seiten nicht wissen, was die andere gerade beschäftigt.

Das Buch ist vor allem für dich, wenn du volljährig bist und eine Ausbildung beginnst oder in den ersten Berufsjahren steckst. Viele Situationen helfen auch im Praktikum, im Werkstudentenjob und beim Einstieg nach dem Studium. Es ist kein Bewerbungsratgeber – es beginnt dort, wo die Bewerbung aufhört: am ersten Arbeitstag. Und es ist keine Rechtsberatung. Wo es um Rechte und Pflichten geht, sage ich dir, wo du die verbindliche Antwort bekommst.

Viele Situationen folgen in diesem Buch demselben Muster: erst ein ungünstiger Satz, dann eine bessere Formulierung und schließlich die Erklärung, warum sie funktioniert. Nutze die Beispiele nicht als starre Skripte. Passe Anrede, Ton und Wortwahl an deinen Betrieb und an die Person an, mit der du sprichst.

Nicht jede Situation passt zu jedem Einstieg. Wenn du in einer Ausbildung bist, findest du besonders viel zu Ausbildern, Berufsschule, Kammern und Ausbildungsplan. Für Praktikum, Werkstudentenjob und den ersten Job überträgst du diese Rollen auf deine direkte Führungskraft, deine Betreuung oder die zuständige Personalstelle. Die Grundfragen bleiben dieselben: Was wird von mir erwartet, wie frage ich nach, wie melde ich Fehler und wo setze ich Grenzen?

Am Ende zählt nicht, ob du in den ersten Wochen alles richtig machst. Das schafft niemand. Am Ende zählt, ob du in den schwierigen Momenten weißt, was du sagst.

Kapitel 1 – Du bist neu, nicht dumm

Warum die ersten Wochen sich so unsicher anfühlen – und warum das normal ist.

Die ersten Wochen im Betrieb, im Praktikum oder im neuen Job haben eine eigene Art von Anstrengung. Du bist abends müde, obwohl du kaum etwas Schweres getan hast. Du fragst dich, ob du zu langsam bist, zu still, zu viel am Nachfragen. Du beobachtest die anderen und hast das Gefühl, alle außer dir wissen, wie es hier läuft.

Das Gefühl ist normal. Es hat einen einfachen Grund: Du lernst gerade nicht nur die Arbeit, sondern gleichzeitig ein ganzes System – Menschen, Abläufe, Sprache, unausgesprochene Regeln. Das kostet Kraft, und zwar unabhängig davon, wie gut du bist.

Was dabei leicht durcheinandergerät: Neu sein und dumm sein sind zwei völlig verschiedene Dinge. Wer neu ist, weiß bestimmte Dinge noch nicht. Das ist der Zustand, nicht das Problem. Niemand erwartet von dir, dass du am dritten Tag weißt, wo die Ersatzteile liegen, wie das Ticketsystem heißt oder warum man den Kollegen aus dem Einkauf besser vormittags anspricht.

Was dein Ausbilder wirklich prüft

In den ersten Wochen wirst du nicht nur fachlich beurteilt. Dein Ausbilder, deine Teamleiterin oder dein Betreuer achtet mindestens ebenso darauf, wie du arbeitest und kommunizierst. Dabei stehen meist drei Fragen im Vordergrund:

  1. Ist er verlässlich? Kommt er pünktlich, sagt er Bescheid, wenn etwas nicht klappt, macht er, was abgesprochen war?
  2. Fragt sie nach, wenn sie etwas nicht versteht? Oder tut sie so, als ob – und ich merke es erst, wenn es schiefgegangen ist?
  3. Kann ich mich auf das verlassen, was er sagt? Wenn er „fertig\" sagt, ist es dann fertig?

Fachliche Lücken werden erwartet. Diese drei Punkte nicht. Wer sie erfüllt, bekommt Zeit und Geduld für alles andere. Wer sie nicht erfüllt, bekommt beides nicht – egal, wie gut die Noten waren.

Die Grundhaltung dieses Buches

Es gibt zwei typische Reaktionen auf die Unsicherheit der ersten Wochen. Die erste ist Überspielen: nicken, „alles klar\" sagen und hoffen, dass es irgendwie geht. Die zweite ist Klarheit: sagen, was man verstanden hat, benennen, was noch offen ist, und gezielt nachfragen.

Schauspiel fühlt sich kurzfristig besser an und kostet langfristig am meisten. Klarheit fühlt sich in dem Moment unangenehm an und ist das Einzige, was auf der anderen Seite des Tisches wirklich Vertrauen aufbaut.

Deshalb wirst du in diesem Buch keine Sätze finden, die dich souveräner wirken lassen, als du bist. Du findest Sätze, mit denen du klar bleibst, wenn du unsicher bist. Das ist etwas anderes – und es funktioniert deutlich besser.

Schwacher Satz: „Ja, alles klar.\" (obwohl nichts klar ist) Besserer Satz: „Ich habe den ersten Teil verstanden. Beim zweiten bin ich mir nicht sicher – können Sie den noch einmal sagen?\" Warum: Der erste Satz kauft dir zwanzig Sekunden Ruhe und kostet dich später eine Stunde und einen Vertrauenspunkt. Der zweite zeigt, dass du zuhörst und dass man sich auf dein „verstanden\" verlassen kann.

Die andere Seite Ausbilder erinnern sich an ihre eigenen ersten Wochen meistens nur noch verschwommen. Sie sehen ihren Betrieb seit Jahren von innen und halten vieles für selbstverständlich, was es für dich nicht ist. Wenn dir also etwas nicht erklärt wird, ist das selten Absicht. Es ist Betriebsblindheit. Und die löst sich am schnellsten, wenn du fragst.

Merksatz: Du musst nicht wissen, wie alles geht. Du musst zeigen, dass man sich auf dich verlassen kann.

Kapitel 2 – Der erste Arbeitstag

Was zählt, was nicht zählt – und was du sagst, wenn niemand Zeit für dich hat.

Ein Beispiel, wie der erste Tag oft aussieht: Lena kommt um Viertel vor acht, wie abgesprochen. Der Ausbilder ist in einer Besprechung. Die Kollegin am Empfang weiß von nichts. Lena sitzt eine halbe Stunde auf einem Stuhl im Flur, bekommt dann einen Platz, einen Rechner ohne Zugang und den Satz: „Schau dich erst mal ein bisschen um.\" Um elf hat sie den Namen von vier Leuten gehört und drei davon wieder vergessen.

So oder ähnlich läuft es in vielen Betrieben. Das ist keine Missachtung, sondern Alltag: Der erste Tag eines Neuen ist für dich das größte Ereignis des Monats. Für den Betrieb ist er ein Dienstag.

Was am ersten Tag wirklich zählt

Nicht, ob du schon etwas leistest. Sondern drei Dinge:

Dich vorstellen

Ein Satz reicht, und er kann ganz einfach sein: „Hallo, ich bin Lena, ich fange heute als Auszubildende im Einkauf an.\" Dann die Hand oder ein Nicken, je nachdem, was hier üblich ist. Du musst nichts Kluges sagen. Du musst nur dafür sorgen, dass die Leute deinen Namen und deinen Platz kennen.

Wenn du einen Namen vergessen hast – und das wirst du –, frag am selben Tag noch einmal. Am ersten Tag ist das selbstverständlich. In der dritten Woche ist es peinlich.

Schwacher Satz: (nichts sagen und hoffen, dass jemand den Namen nochmal erwähnt) Besserer Satz: „Entschuldigung, ich habe heute so viele Namen gehört – wie war deiner nochmal?\" Warum: Niemand nimmt das am ersten Tag übel. Alle wissen, wie das ist. Die Frage kostet drei Sekunden und erspart dir Wochen des Herumdrucksens.

Wenn niemand Zeit für dich hat

Das ist der häufigste Moment des ersten Tages, und die meisten Neuen ertragen ihn schweigend. Besser: Du bietest etwas an.

Schwacher Satz: „Okay, dann warte ich.\" Besserer Satz: „Ich sehe, dass gerade viel los ist. Gibt es etwas, das ich mir in der Zwischenzeit anschauen kann – Unterlagen, das System, der Bereich?\" Warum: Du nimmst dem Ausbilder die Entscheidung ab, was er mit dir machen soll. Das ist am ersten Tag die größte Hilfe, die du leisten kannst.

Wenn du etwas nicht verstanden hast

Am ersten Tag prasseln Begriffe, Abkürzungen und Namen auf dich ein. Du wirst nicht alles verstehen. Wichtig ist nur, dass du das sagst, bevor du etwas darauf aufbaust.

Schwacher Satz: „Ja, klar.\" Besserer Satz: „Das ist mir neu – was bedeutet das genau?\" Warum: Am ersten Tag ist keine Frage zu einfach. Jede Abkürzung, die du heute klärst, musst du morgen nicht mehr raten.

Wenn du falsch angezogen bist

Passiert häufiger, als man denkt: Alle in Jeans, du im Hemd – oder umgekehrt. Nicht entschuldigen, nicht kommentieren. Morgen kommst du wie die anderen. Wenn dich jemand darauf anspricht: „Ich wusste nicht, was hier üblich ist – jetzt weiß ich es.\" Fertig.

Die andere Seite Der Ausbilder hat an deinem ersten Tag fünf andere Dinge auf dem Tisch. Er hat dich nicht vergessen, aber er hat dich auch nicht ganz oben. Was ihm auffällt – und was er sich merkt: ob du pünktlich warst, ob du dich von selbst vorgestellt hast, ob du gefragt hast, statt auf dem Handy zu warten, und ob du am Ende des Tages „Danke, bis morgen\" gesagt hast. Das sind vier Kleinigkeiten. Sie prägen den Eindruck der nächsten Wochen mehr als alles, was du fachlich zeigst.

Merksatz: Am ersten Tag wird nicht deine Leistung beurteilt, sondern deine Haltung. Und die ist einfach: da sein, vorstellen, fragen.

Wie geht es weiter?

Im Buch folgen die ungeschriebenen Gesetze im Betrieb, die 12 größten Fettnäpfchen, Kritik, Fehler, Kollegen, Praktikum, Studium, Gehalt und Übernahme – mit den Sätzen für jede Situation.

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